Wer löst den Gordischen Knoten?

Kennen Sie die Sage vom Gordischen Knoten? Vor vielen Jahrhunderten soll ein Orakel prophezeit haben, dass derjenige die Herrschaft über Asien erringen werde, der den Gordischen Knoten lösen könne. Der Gordischer Knoten verband die Deichsel des Streitwagens des phrygischen Königs Gordios untrennbar mit dem Zugjoch. Viele kluge und starke Männer versuchten sich an der Aufgabe, den Knoten zu lösen, aber keinem gelang es – bis Alexander der Große auf seinem Zug Richtung Persien diesen Knoten einfach mit seinem Schwert durchgeschlagen und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet haben soll.

Auch in Stuttgart gibt es seit Jahren einen gordischen Knoten, der den VfB untrennbar mit sportlichem Misserfolg verbindet. Manche nennen ihn „Wohlfühloase“, andere „Abwärtsspirale“ oder „Lernresistenz“. Viele Trainer, Sportvorstände und Präsidenten haben sich an der Lösung des Gordischen VfB-Knotens versucht und sind mehr oder weniger deutlich gescheitert, zuletzt der gar nicht so tapfere Tayfun Korkut. Auch das derzeit verantwortliche Team um den mutigeren Markus Weinzierl mit der Führungsriege Dietrich/Reschke scheint nicht dazu in der Lage.

Im Gegenteil: Es ist beeindruckend, wie es der VfB geschafft hat, sich erneut so tief in die Scheisse zu reiten, sodass wir uns schon wieder unseren altbekannten Problemen widmen müssen. In diesem Fall sind die Probleme eine Vielzahl von G-Punkten, die meinen gordischen Knoten bilden:

Fangen wir mit der Sicherheit in der Defensive an – oder G wie Geschenke. Wer erinnert sich nicht an das legendäre Spruchband der Cannstatter Kurve „Ihr seid nicht der Nikolaus, hört auf Geschenke zu verteilen“?! Holger Badstuber war in den ersten Saisonspielen fleißig, Benjamin Pavard legte gegen Dortmund nach, Christian Gentner gegen Hoffenheim. Der VfB glänzt nicht nur mit Zweikampfschwäche, sondern auch mit heftigsten individuellen Fehlern. Wie kann eine Mannschaft eine DER Stärken der vergangenen Rückrunde komplett verlieren?

Auf der anderen Seite hakt es auch bei der offensiven Durchschlagskraft gewaltig – oder G wie Gomez/Gonzalez. Der VfB hat in 10 Bundesligaspielen ganze 6 Tore erzielt. Viel schlimmer wird die Statistik nur, wenn man sieht, dass der VfB in 7 von 10 Spielen (bzw. inkl. DFB-Pokal in 8 von 11 Spielen) überhaupt nicht getroffen hat. Mario Gomez vergab in den vergangenen beiden Spielen die 100%ige zur Führung, bekam aber während des Spiels auch mal wieder viel zu wenige Bälle. Nicolas Gonzalez ist immer wahnsinnig engagiert, findet aber in den Räumen in die er startet, viel zu oft keine Unterstutzung.

Ich für meinen Teil habe mich gestern gefragt, ob man sich weniger als gar nicht bewegen kann. Wenn dem so wäre, hätte es der ein oder andere VfB-Spieler gestern wohl geschafft. Womit wir schon in der Reihe dahinter wären – beim Thema G wie Geschwindigkeit. Erik Thommy scheint komplett ausser Form, Tassos Donis ist verletzt. Weitere Mittelfeldspieler mit Tempo – Fehlanzeige. Zudem fehlt die Kreativität von Daniel Didavi noch länger. Wie wir uns Chancen erarbeiten wollen – keine Ahnung. Deprimierend. Neue Verletzungen nehmen gefühlt exponentiell zu. Wie Christian Gentner darauf kommt, ein Fitnessproblem zu leugnen, wird sein Geheimnis bleiben.

Defizite in allen Mannschaftsteilen also – womit wir direkt bei der Kaderzusammenstellung wären – oder bei G wie Gonzalo. Gonzalo Castro ist für mich zu einem Sinnbild fehlgeschlagener Kaderplanung worden. Von Anfang an hatte es ein Gschmäckle, dass Michael Reschke seinen Buddy, der bei Borussia Dortmund außen vor war (heute wissen wir übrigens auch, warum) an den Neckar lotste, obwohl er nie in das Profil „spielstarker Mittelfeldspieler“ passte. Gegen Hoffenheim wurde ihm Hans Nunoo Sarpei vorgezogen, gegen Frankfurt nun Berkay Özcan. Was für eine wuchtige Ohrfeige! Dass der Kader generell und damit auch über Castro hinaus unvollständig war und ist, insbesondere auf den offensiven Außenbahnen, habe ich bereits an mehreren Stellen geäußert.

Michael Reschke hat versagt! Er hat bei der Kaderzusammenstellung versagt. Er hat versagt, als er den Vertrag von Tayfun Korkut, der maßgeblich am Scherbenhaufen von heute beteiligt ist, ohne Zwang verlängert hat. Und damit hat auch Wolfgang Dietrich versagt. Deren G wie Größenwahn zeichnete falsche Bilder von den Perspektiven des VfB. Die Häme gegen den Ausgliederungsleitspruch „Ja zum Erfolg“ war absehbar, sollte es doch nicht laufen. Ich für meinen Teil stehe nach wie vor hinter (auch meiner) Entscheidung zur Ausgliederung. Diese habe ich aber nie auf Basis des „Ja zum Erfolg“ getroffen, sondern in der Hoffnung, dass der VfB den Schindelmeiser-Weg fortsetzt. Dieser wurde viel zu früh verlassen. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es den Scherbenhaufen von heute ohne diese Trennung nicht gegeben hätte.

Apropos Schindelmeiser: Hinsichtlich des Wegs, den der VfB mit Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf gehen wollte, hat Wolfgang Dietrich gelogen. So wie Michael Reschke bereits mehrfach gelogen hat (Stichwörter: Terodde, Korkut). „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“, teilte die Cannstatter Kurve gestern einmal mehr über ihre Publikationen mit. So geht auch mir. Mir fehlt der G wie Glaube, dass wir in dieser Konstellation sportlich erfolgreich sein werden. Genauso wie mir der Glaube an die Mannschaft fehlt, die unter der Verantwortung der beiden Herrschaften zusammengestellt wurde. „Stimm mit ein, ja spürst du nicht die Kraft, die Leidenschaft? Die Spiele drehen kann und allen Freude macht“, erlebt spätenstens seit dem Hoffenheim-Spiel ein Revival im Fanblock. Ich werde den Eindruck nicht los, dass es beim VfB kaum einer der 11 auf dem Platz und im Clubheim spürt.

Dafür zu sorgen, dass alle 11 die Kraft und die Leidenschaft spüren, wäre nach meinem Verständnis Aufgabe der Führungsspieler und insbesondere die Aufgabe von G wie Christian Gentner. Der Kapitän glänzte zuletzt mit Zweikampfwerten von mäßigen 57,14% (gegen Frankfurt) über schwache 40% (gegen Hoffenheim) bis hin zu unterirdischen 17,65% gegen Dortmund. Auch die anderen Führungsspieler schwanken enorm:

> Mario Gomez (SGE: 61,11% / TSG: 25% / BVB: 55%)

> Holger Badstuber (SGE: 31,58% / TSG: 55,56% / BVB: 33,33%)

Ob man hier ein Hierarchieproblem sieht, überlasse ich der Einschäzung jedes Einzelnen. Ich sehe eines, gerade deshalb, weil uns die erfahrenen Spieler als ach so wichtige Stabilisatoren verkauft wurden. Die Notwendigkeit, Christian Gentner als Kapitän endlich zu erlösen, habe nicht nur ich bereits oft genug betont.

Angesichts des Eindrucks, dass die Stabilisatoren nicht stabilisieren, sollten wir uns darüber hinaus dringend Gedanken über einen G wie Generationenwechsel machen. Viel schlimmer als die personifizierten Wohlfühloasen Dennis Aogo oder Andreas Beck hätte es G wie David Grözinger wohl auch nicht gemacht. Dazu, jungen Spielern das Vertrauen zu schenken, gehört sicherlich immer Mut und gerade in unserem Fall auch das Risiko, den Spieler zu „verheizen“. Aber ein „Weiter so“ wäre wohl genau so mutig – mit dem Unterschied, dass man mal bei einem „Weiter so“ mal wieder keine Eier zeigt und die Wohlfühloase sicher nicht austrocknet.

Fakt ist, meine G wie Geduld neigt sich langsam dem Ende zu. Es braucht eine Reaktion. Vielleicht braucht es radikalere Maßnahmen. Vielleicht braucht es einen Schnitt. Wie den Schnitt, zu dem Alexander der Große einst ansetzte. Ansonsten heißt es nächste Saison wieder mal G wie Greuther Fürth!

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